Mittwoch, 14. August 2013

Leben mit Nomaden.


Liebe Freunde der Unbeständigkeit.

Was machen zwei junge Menschen, die heillos irgendwo durch China irren, fernab von Zivilisation und europäischen Standards?
Richtig: Sie entfernen sich noch weiter davon.





Nach dem touristischen, aber auch wundervoll dynamischen Sichuan, erhielten wir die unglaubliche Möglichkeit zusammen mit Nomaden zu leben, essen, bei ihnen zu schlafen, bei der Arbeit zu helfen (so gut denn möglich) und Geschichten zu tauschen.
Und so machten wir uns zu Pferd auf den Weg das Leben der ewigen Zeltbewohner auf 3500m kennzulernen.

Nein, das Nomadenleben ist nicht leicht.

In den Zelten schützt meistens nur eine dünne Plastikplane vor Wind, nachts wird es empfindlich kalt, nur ein Ofen, der mit Yak-Dung geheizt wird, erhitzt das Innere.
Wenn also geschlafen wird, ist es am nächsten Morgen bitterkalt.
Was passiert, wenn es, wie in unserem Fall, über Nacht regnet, davon will ich gar nicht erst anfangen.

Um sechs Uhr morgens macht sich die Dame des Hauses auf die Yaks zu melken, nach zwei Stunden verarbeitet sie die gesammelte Milch, stellt Käse, Yoghurt und Öl her. Danach sammelt sie Yak Dung für den Ofen, lässt die Yaks grasen und macht Frühstück für Kinder, Mann und was sich sonst noch im Zelt tummelt. 

Und die Männer des "Hauses"? Die schlafen aus, essen, lassen den Ofen ausgehen (oh man), verräuchern bei dem Versuch ihn wieder anzumachen das halbe Zelt, spielen Karten und ducken sich vor der Strafpredigt der Hausherrin wegen des Feuers.
Indes kümmert sich die Frau um die Kinder, kocht das Mittagessen, schneidet ggf. das Yakhaar, webt Decken und Dachteile. Sie serviert Yaktee und Tsampa, kocht Abendessen und passt erfolgreich auf den Ofen auf.

Der Mann, gestärkt von vier Mahlzeiten schwingt sich gegen Abend in den Sattel wie das chinesische Pendant eines Cowboys, galoppiert über das grüne Grasland des tibetischen Hochlands und scheucht das Yakvieh in Richtung Zelt. 
Eine der sicherlich spaßigsten Aufgaben im Tagesgeschäft der Nomaden. 
Die zweistündige Tortur die Yaks bei Wind und Wetter anzubinden übernimmt - natürlich - wieder die Frau. 
Diese bindet auch den Hund los, der vor nächtlichen Einbrechern und anderen unerwünschten Gästen schützen soll. Ab jetzt gilt: Wer auf "Toilette" (als in die Walachei) will, muss jemanden der Familie (aka die Mutter des Hauses) wecken, um nicht zerfleischt zu werden.

 


Die Geschichten am Abend im Zelt drehen sich um die junge Liebe, die viele Nomaden dazu bewegt sich ein eigenes Zelt, eine eigene Existenz aufzubauen.
Unsere Gastmutter war mit 18 Jahren Mutter geworden, stolz erzählt sie uns, dass ihre beiden Söhne einmal in der Woche zur Schule gingen, wie alt sie seien wisse sie aber nicht: "Irgendwas zwischen 13 und 16 Jahren".
Immer wieder lacht die Dame herzzerreißend, ein Mädchen spielt mit meinen Haaren und ist erstaunt über meine Kamera.
Die Kinder rennen durch das Zelt, einer der Jungs hat einen Fernseher Marke Uralt und eine Autobatterie erwerben können.
Alle Zeltbewohner versammeln sich, um über einen Film aus den 60ern zu lachen, jedoch mehr über die Kostüme als das, was gesagt wird.
Auch die Frau des Hauses hat jetzt endlich Feierabend, sie kuschelt sich in ein Yakfell, drückt und küsst ihren jüngsten Sohn, der vielleicht drei Jahre alt ist.
Gemeinsam lauschen sie dem Film-Highlight des Abends.
Ob sie glücklich sei, frage ich die Frau, einer der Männer, der Chinesisch spricht übersetzt für mich in ihren Akzent. "Ja", sagt sie, nickt und lächelt. Erst zu uns, dann zu ihren Kindern.

Küsse aus tiefster Demut vor soviel unbedingter Liebe und Lebensfreude, Shimin.

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Kommentare:

  1. Sehr beeindruckende Fotos, ich bin sehr auf die dazugehörigen Geschichten gespannt... werden die noch kommen? Ich würde mich das vermutlich nie trauen, daher bin ich immer umso neidischer auf jeden, der sowas erlebt.
    Mit lieben Grüßen aus D`dorf
    Juli

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    1. Liebe Juli,

      ich freue mich, dass dir meine Bilder gefallen.
      Die Geschichten dazu gibt es ganz bald, versprochen.
      Derzeit bin ich jedoch noch in Nepal, mit eingeschränktem Internetzugang und viel zu vielen Stromausfällen.
      Aber die Geschichten werden folgen - und nicht nur diese von meiner Zeit mit den tibetischen Nomaden - versprochen.

      So viel aber vorweg: mit sich trauen hat das Ganze wahrscheinlich viel weniger zu tun, als du denkst.
      Wenn eine Familie dich einlädt mit ihnen zu essen, warum nicht ja sagen?
      Für uns ist es ein großartiges Erlebnis diese Kultur kennen zu lernen, aber für die Tibeter ist es ebenfalls spannend mit uns Zeit zu verbringen: viele haben noch nie blonde Haare oder Kameras gesehen, für die bist du wie eine Zaubererin. Andere haben Kinder, die Englisch lernen und ein bisschen mit dir üben wollen.
      Im Gegenzug verzaubern sie uns damit, wie man mit einem so einfachen Leben doch so glücklich sein kann.
      Es geht also weniger darum sich zu trauen, als viel mehr offen für die Schönheit der Welt zu sein.
      Aber dazu bald mehr.

      Ich wünsche dir offene Arme, Augen und Ohren, wenn du durch die Welt gehst.
      Liebe Grüße aus Nepal,
      Sherin

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  2. Ich hab deinen Blog hier zufällig entdeckt und bin wirklich begeistert. Ich plane auch eine etwas größere Reise, um die ein paar Ecken auf der Welt mal ein bißchen genauer anzuschauen. Leider hapert es bei mir momentan noch am Geld, werde also noch eine Weile sparen müssen. Freue mich aber auf jeden Fall auf Deine Geschichten. Die Bilder vermitteln auf jeden Fall schon mal einen tollen Eindruck. Vor allem rufen sie Fernweh bei mir hervor.

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  3. Liebe Juli, liebe Mary,

    ich habe euch die Geschichten versprochen und ihr sollt sie haben.
    Ich hoffe sie bringen ein bisschen von dem Lebensgefühl und der unsäglichen Dankbarkeit dafür, dass wir diese Welt erleben dürfen rüber.
    Die Welt steckt voller Geschichten.

    Liebe Grüße,
    Sherin

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